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Klostermauern

Früher pilgerten Menschen, um Busse zu tun, um zu danken, ein Gelübde zu leisten oder in der Hoffnung auf Erfüllung von Wünschen. Heute nehmen viele Menschen wieder weite Wege unter die Füsse, um der Hektik des modernen Alltags zu entfliehen. Wenn der Satz des Zeitforschers Karlheinz Geissler stimmt, dass «das Glück als Erstwohnsitz die Pause» hat, könnte das Lesen dieses Beitrags vielleicht die Initialzündung für Ihre ganz persönliche Pilgerreise sein.

 

Titel_12_2009_Pilgerwandern

Zeit zum Innehalten

«Man muss hoch gehen, damit man tief in sich hineinsehen kann», sagte einst die Bergsteigerlegende Reinhold Messner. Ein Spruch, den man durchaus auch auf das Pilgerwesen anwenden könnte, wenn man «hoch» durch «weit« ersetzt. Beim modernen Pilgerwandern vermischen sich spirituelle Erfahrungen und persönliche Sinnfragen mit dem Erlebnis Natur und der sportlichen Herausforderung. Und genau das macht den «Ausbruch auf Zeit» besonders spannend.

 

Vergangenen Sommer bin ich Pässe hochgestiegen und wieder runtergestiegen. Am nächsten Tag bin ich wieder Pässe hoch und runter. Und am nächsten wieder, über Stock und Stein, entlang von Schotterwegen und Teerstrassen, über Brücken und durch Bäche. Die Wanderung habe ich ganz alleine unternommen, über viele Tage und Hunderte von Kilometern. Nach drei Tagen hatte sich mein Kopf zu leeren begonnen, die Sorgen und Nöte des Alltags begannen sich in der Weite der Landschaft aufzulösen, sie machten einer beschwingten Heiterkeit Platz, Zuversicht stellte sich ein, und unvermittelt wurde das Vorwärtsschreiten zum einzigen Hauptzweck. Die pure Lust am Wandern liess mich wie automatisch ein Bein vor das andere stellen, der Körper ging auf im Rhythmus der grossartigen Landschaften, die Stimmungslage kippte ins Meditative. Bis ich eines Tages unvermittelt vor meinem Ziel stand: das Meer. Ich war angekommen. Angekommen? Eine Frage, die sich so oder ähnlich heute viele Menschen stellen: Wo finde ich mein Meer? Und wie komme ich am besten dorthin? Auf dem schönsten Weg? Denn wer wandert schon gerne auf Teerstrassen oder überquert im Winter schneebedeckte Pässe.

 

Vom Kopf ins Herz wandern

Das Grab des (enthaupteten) Apostels Jakobus des Älteren im spanischen Santiago – «finis terrae», das damalige Ende der Welt – zog schon seit dem 10. Jahrhundert Hunderttausende von Pilgern aus allen Gegenden Europas und selbst aus dem Orient an. Eine Pilgerfahrt, die auch heute wieder zieht. Doch stehen nicht mehr religiöse Motive im Vordergrund als vielmehr die Rückbesinnung auf die ursprünglichen Formen der menschlichen Bewegung. Heute ist aus diesen Pilgerfahrten eine Massenbewegung geworden, die auch wirtschaftliche und touristische Züge trägt, gepaart mit sportlichem Ehrgeiz und einer allgemeinen Sinnsuche. «Die Pilgerei hat heutzutage den Status eines neuen Feriensegmentes erreicht. Sie ist zum eigenständigen Bereich eines sanften, sinnorientierten, ökologischen Tourismus geworden », schreibt Thomas Schweizer, Co-Leiter des Teilprojektes Spiritualität im Projekt «Europäische Jakobswege». Nicht mehr das Wohin ist primär wichtig, sondern vielmehr das Wie. Das Ziel heisst also nicht mehr einfach «Santiago» oder «Nizza», die «Schwarze Madonna in Einsiedeln» oder der «Bruder Klaus in Flüeli-Ranft». Sondern das eigentliche Ziel ist das Zuhause, der Ort, von dem man aufgebrochen ist. Was bleibt, was ändert sich? Wie lassen sich die gemachten Erfahrungen in den Alltag übertragen, wo liegen die neuen Aufgaben? Und so machen sich heute viele Menschen in Schwellensituationen und Übergängen auf den Weg, in Beziehungs- und Sinnkrisen, vor Arbeitsplatzveränderungen, nach Schicksalsschlägen, zu zweit, zu dritt oder geführt in der Gruppe. Sie erhoffen sich Einsicht in eine schwierige Situation, die Verarbeitung einer durchlebten schweren Krankheit, eine Phase der Ruhe nach einer hektischen Zeit, die Verarbeitung des Todes einer nahestehenden Person, das Erschliessen neuer Energiequellen, ein Ausbrechen aus den gewohnten Bahnen und Offenwerden für neue Lösungen. Beim Ausbruch auf Zeit sollen die Füsse dem Kopf helfen, was er selber nicht mehr bewältigen kann. «Pilgern heisst vom Kopf ins Herz wandern», sagt Monseigneur Joseph Roduit, Abt des Klosters St-Maurice, dessen Kloster genau in der Mitte des Frankenweges ViaFrancigena vom englischen Canterbury nach Rom liegt (siehe Kasten). Kann man das schöner und besser sagen? Dass in der modernen Pilgerei religiöse Motive in den Hintergrund getreten sind, geht auch aus der «Berner Erhebung zum Jakobspilgern in der Schweiz» von Stephan Dähler deutlich hervor: «Wer aufbricht und bereit ist, Strapazen auf sich zu nehmen, hat meist eine innere Motivation dazu. Diese Rangliste wird angeführt von den Bedürfnissen, zur Ruhe zu kommen und neue Kraft zu tanken, dicht gefolgt von den Bedürfnissen nach Besinnung und Spiritualität. Besonders wichtig scheint das Pilgern für Menschen zu sein, die sich in Übergangssituationen neu orientieren wollen, die sich auf eine neue Herausforderung vorbereiten oder die ein neues Ziel in ihrem Leben suchen und sich dafür während einer Pilgerreise Zeit schenken, bis die Entscheidung reif ist. Die Gruppe der religiösen Pilger hingegen umfasst nur noch eine kleine Minderheit», schreibt Thomas Schweizer in seinem Kommentar dazu.

 

Inhalt

Reportage - Auf Klosterspuren

Mit den Füssen beten

Portät: Verein Jakobsweg.ch

RTC Carving-Ski aus der Schweiz

 

Zum Sammeln: Outdoor-Ausflugstipps

 

Portfolio

Himmelsleitern

Der SCHWEIZER Wanderkrimi

 

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