YVERDON VD Mit dem Rad durch die «Camargue der Schweiz»
Dies ist die Tour zum Hauptbeitrag von Benoît Renevey in diesem Heft. Und da der Weg dem südöstlichen Neuenburgerseeufer entlang flach ist, drängt sich das Fahrrad dazu auf. Man fährt so weit wie Muskelkraft und Naturlust reichen und steigt dann aufs Schiff um.
Die Restaurants am Weg heissen «La Lagune», die Kabäuschen aus Holz «Le Paradis» und die Bars «Tropical». Oder ähnlich. Doch im Ernst: Diese Tour macht nur mit dem Rad richtig Spass. Denn der schöne, der vielen Waldpartien meist schattige Fahrweg entlang dem Südostufer des Neuenburgersees ist flach. Ich bin von Yverdon nach Estavayer auch schon gelaufen, aber da sind mir in den paar Stunden wohl an die 755 Radlerinnen und eine Handvoll hartgesottene Wanderer begegnet. Darum: Nehmen Sie bis Yverdon die Bahn, steigen Sie da aufs Rad um und wenden Sie sich fahrenderweise nach links. Schon bald passieren Sie einen ersten Kultplatz, die bis 4½ m hohen und über 5 t schweren Menhire von Clendy, bevor Sie das Naturschutzzentrum Champ-Pittet erreichen, von wo Sie auf abenteuerlichen Holzstegen die Schilflandschaft der grossartigen «Grande Cariçaie» erkunden können, dem mit fast 3000 ha grössten Seeuferfeuchtgebiet der Schweiz. Die von Uferwäldern gesäumten Sumpfgebiete dehnen sich über eine Uferlänge von gegen 40 km aus und beherbergen etwa ein Drittel der Flora- und ein Viertel der Fauna-Vielfalt des Landes.
Erkunden, beobachten, spüren, sich entspannen, spielerisch lernen
Die Stichworte im umfangreichen Programm des Naturschutzzentrums Champ-Pittet machen Lust auf Naturerlebnisse. Die Grande Cariçaie bietet nämlich 1000 Pflanzen- und 10 000 Tierarten Unterschlupf. Ungefähr. Der Name «Cariçaie» kommt von der Steifen Segge (Carex elata), der vorherrschenden Pflanzenart in dieser grossflächigen Riedlandschaft: Carex – Cariçaie. Die 15 naturbelassenen Quadratkilometer Riedgebiet bestehen aus unbewaldetem Ried mit Schilfröhrichten und Feuchtwiesen auf der einen und Auensowie Hangwäldern auf der anderen Seite. Vieles ist zum Erlaufen. Etwa auf einem 2-km-Riedspaziergang auf guten Holzstegen, die grösstenteils rollstuhlgängig sind; oder einem Spaziergang unter den Baumkronen des Auenwaldes, der mit seinen periodisch überfluteten Böden, dem sandigen Hang und dem wilden Bach zu jeder Jahreszeit reizvoll ist; eher ländlich schlendern lässt sich zwischen Wald und Ried und dazu die verschiedenen Elementen der vielfältigen Kulturlandschaft studieren: Wiesen, Hochstaudenflure, Hecken, Weiher, Trockenmauer usw. geben Anregungen für den eigenen Garten; und ein 1½-stündiger Schmetterlingsparcours mit 20 Posten lädt angehende Detektive ein, ein spannendes Rätsel zu lösen. Dann die Hitpoints für Geniesser: Oberhalb des Schlosses Champ-Pittet locken ein Garten der Köstlichkeiten mit Hochstamm-Obstkulturen sowie ein verführerischer Garten mit alten Früchte- und Gemüsesorten und wohlriechenden Kräutern, wie sie noch unsere Grossmütter pflanzten; und der Garten der Gefühle erinnert mit seinen 4 Quadraten an Gärten des Mittelalters, traditionelle Bauerngärten oder sogar an marokkanische Gärten. Die Blumensprache, welche die vier Seiten der Liebe zeigt – Romantik, Leidenschaft, Geselligkeit, Kummer –, lässt sicher niemanden kalt.
Wer müde ist, steigt aufs Schiff um
Das alles braucht natürlich Zeit. Und wer später unterwegs an einem der schönen Badeplätzchen – mit echten Sandstränden, die vom Ufersträsschen durch Stichpfade erschlossen werden – Halt machen und sich erfrischen möchte, braucht noch etwas mehr davon. Da stellt sich dann bald einmal die Frage, wie weit man fahren soll. Kein Problem, die Tour kann in den Städtchen am Weg – Estavayer- le-Lac, Chevroux, Portalban, Cudrefin – jederzeit abgebrochen werden. Wer also genug Zweirad hat, steigt einfach aufs Schiff um und tuckert gemütlich mit der schönen Uferlandschaft zur Rechten und zur Linken, diesmal von der Seeseite betrachtet, zurück an den Ausgangspunkt oder auf die andere Seite nach Neuenburg. Es empfiehlt sich allerdings, den Schiffsfahrplan zum Voraus zu studieren, denn soo oft fahren die Kursschiffe auch wieder nicht.
Rollstuhlgängiger Naturpfad
Wer es hingegen bis ans Nordende des Neuenburgersees schafft, dem winkt zwischen den zwei bedeutenden Naturschutzgebieten Fanel und Chablais de Cudrefin übrigens noch ein weiteres Natur-Highlight: La Sauge, das Naturschutzzentrum des Schweizer Vogelschutzes. Es bietet eine Dauer- und eine Sonderausstellung, ein Naturlabor, einen Multimediaraum sowie einen Naturpfad mit drei Beobachtungshütten. Von da kann man Tiere beobachten, ohne diese zu stören. Seit Eröffnung 2001 haben mehr als 100 000 Personen und über 1500 Gruppen das Zen-trum besucht, dessen Naturpfad vollständig rollstuhlgängig ist.