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NATURTIPP Gletschertour an der Grimsel BE

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Wieso wandern Menschen eigentlich über Gletscher? Ist es ihre Schönheit? Die tiefblau schimmernde Farbe in den Spalten und an den Abbrüchen? Das Aussehen, das sie den Bergen verleihen, wenn sie ihre Wände und Flanken wie mit einer Zuckerglasur überziehen?

 

Naturtipp_7/10

Weisse Gipfel – wie lange noch?

Neben uns fliessen kleine Bäche den Oberaargletscher hinunter. Wie lange wird hier noch Eis sein, wo jetzt unsere Steigeisen knirschen? Forscher gehen davon aus, dass innerhalb der nächsten zehn Jahre rund 20 Prozent aller Gletscher geschmolzen sein werden; in rund 100 Jahren dürften also nur noch oberhalb 4000 m ü. M. Gletscher existieren. Ein kurzer Blick auf den Höhenmesser zeigt: Wir befinden uns auf 2600 m ü. M. In ein paar Jahrzehnten werden sich Bergsteiger hier wohl über eine riesige Geröllhalde kämpfen müssen. Wenn nicht isländische Vulkane so viel Gegensteuer geben, dass sich der Trend zumindest vorübergehend verlangsamt.

 

Kompass-Seen und wandernde Tische

Wir kommen an ein paar schön ausgebildeten Mittagslöchern vorbei. Das sind kleine Sandund Kieshaufen, die sich ins Eis geschmolzen haben und nun als Kompass dienen können. Im Süden ist der Rand eines Lochs stets am steilsten, im Norden am flachsten. Ein kleiner Gletschertisch – die Tischplatte aus einem flachen Stein, das Bein aus Eis – scheint uns zu einer Rast aufzufordern. Wir setzen uns in seiner Nähe auf ein paar grosse Steinbrocken. Was wäre, wenn wir einfach sitzen bleiben würden? Der Gletscher fliesst mit 20 bis 200 Meter pro Jahr talwärts. In etlichen Jahren bis Jahrzehnten (je nachdem, wie schnell der Gletscher gleichzeitig schmilzt) würde er uns demnach an der Zunge ins Geröll purzeln lassen.

 

Im Zweifel für das Seil

Eine zweite Gruppe Berggänger wandert in der Nähe über den Gletscher – unangeseilt. Auf aperen Gletschern ist das zu verantworten, denn man sieht jede Spalte. Wobei das nicht immer hilft, wie ich vor etlichen Jahren lernen musste. Es war an einem frühen Morgen, und einige der Seilschaftsmitglieder waren vom letzten Fest etwas übernächtigt. Der Gletscher war aper, sodass die Spalten jeweils mit einem grossen Schritt bequem überwunden werden konnten. Dann plötzlich ein heftiger Ruck im Seil, ich drehte mich um und sah, dass die Seilzweite in einer offenen, schmalen Spalte steckte. Gut getroffen!

 

Inzwischen sind wir höher gestiegen. Schnee bedeckt nun den Gletscher. Das bedeutet, dass man vorsichtiger zuwege gehen muss. Spaltenzonen sind zwar bekannt; sie entstehen, wenn der Gletscher auf ein Hindernis stösst, zum Beispiel auf eine Geländekante oder einen Buckel. Die genaue Lage und Ausdehnung einer Spalte ist jedoch oft nicht klar. Die grosse Frage lautet also: Welche Schneebrücke hält, welche nicht? Manchmal ist es vorhersehbar, was geschieht, so wie an jenem heissen Sommernachmittag, als sämtliche Mitglieder einer Seilschaft an verschiedenen Stellen in dieselbe lange Spalte einbrachen. Manchmal scheinen die Ereignisse dagegen purer Zufall zu sein: Während einer Frühlingsskitour überquerten die ersten zwei unserer Seilschaft eine verdeckte Spalte problemlos, bei der dritten Person brach die Brücke ein. Bei beiden Touren kamen alle mit dem Schreck davon – dank Seilsicherung. Heute erreichen wir die Oberaarjochhütte aber ohne Zwischenfall. Am anderen Morgen, einem wolkenlosen, stehen wir früh auf der Terrasse vor der Hütte. Noch bevor die Sonne aufgeht, leuchten die Gletscher rundherum. Dann taucht sie die Sonne in ein goldenes Licht – ein Hauch Magie liegt über der Landschaft. Darum: Gletscher werden die Menschen mit ihrer Schönheit immer faszinieren – solange es sie gibt.



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