BRUGG AG Am Schweizer Wasserschloss
Im Kanton Aargau wird seit 16 Jahren besonders stark auf den Auenschutz geachtet. Entsprechend liegen dort heute mehr als zehn Prozent der bedeutenden Schweizer Auen, was Kanufahrer und Auen-Wanderer ebenso freut wie die Laubfrösche, die im Wasserschloss einen ihrer letzten Schweizer Rückzugsorte besiedeln.
Gleich drei Flüsse schliessen sich im Aargauer Wasserschloss bei Turgi zusammen. Zuerst strömt die 164 Kilometer lange Reuss in die Aare, etwas später mischt sich auch das Wasser der 140 Kilometer langen Limmat darunter. Der Kanton Aargau besitzt das grösste Abflusssystem unseres Landes, das Wasser aus 40 Prozent der Landesfläche trudelt im Wasserschloss ein. Entsprechend reicht das Einzugsgebiet ins Seeland, ins Berner Oberland, hinauf an den Thuner- und Brienzersee, in die ganze Zentralschweiz und über Zürich- und Walensee bis zum Tödi.
Vom Wasser- zum Energiekanton
Schon die Alemannen waren vom kühlen Nass der Region angetan und benannten das Gebiet «Aare-Gau», was auf Alemannisch «Land am Wasser» bedeutet. Der Blick auf eine alte Landkarte aus dem 16. Jahrhundert zeigt, wie grosszügig sich die Auenlandschaften im Aargau ausdehnten. Wie überall in der Schweiz, rückten die Häuser aber immer näher ans Wasser, sodass es nach mehreren grossen Flutkatastrophen im 19. und im 20. Jahrhundert zur Verbauung zahlreicher Gewässer kam. Die Flüsse wurden korrigiert, und aus dem «Wasserkanton» wurde ein «Energiekanton», da die Kraft der kanalisierten Gewässer in Wasserkraftwerken zu Energie umgenutzt wurde. Innerhalb der letzten 150 Jahre sind deshalb rund 90 Prozent der aargauischen Auengebiete verschwunden.
Militärgelände als Laichrefugium
Diese Reste der einstmals ausgedehnten Überschwemmungsgebiete tragen immer noch stark zur Vielfalt in der Tier- und Pflanzenwelt bei. So leben rund um das Wasserschloss und im Reusstal die letzten Laubfrösche. Wer an einem warmen Frühlingsabend zu Fuss oder mit dem Kanu unterwegs ist, kommt mit etwas Glück in den Genuss eines Froschkonzerts. Die Laubfrosch-Weibchen lassen sich vom Quak-Konzert am Tümpel anlocken, was bei der Lautstärke nicht weiter erstaunt. Laubfrösche verfügen trotz ihrer geringen Körpergrösse über die lauteste Stimme unter den mitteleuropäischen Lurchen. Ihr Gesang kann bis auf 90 Dezibel ansteigen, was etwa dem Geräusch eines vorbeifahrenden Lastwagens aus fünf Meter Entfernung entspricht. Die Laubfrösche sind auf sonnige Flachwasserbereiche angewiesen, da der Laich für die Entwicklung wärmere Temperaturen benötigt. Unterstützung für ihre spezifischen Laichgebiete erhielten die Frösche im Wasserschloss lange von ihren grünen «Kollegen». Auf einem zwei Hektaren grossen Gelände zur militärischen Ausbildung von Baumaschinenführern entstanden ständig neue Flachwassertümpel, welche die Laubfrösche für die Laichablage nutzten. Als zu Beginn der 90er Jahren immer mehr Ausbildungsgänge nach Brugg verlegt wurden, brach die Laubfroschpopulation entsprechend ein. Dank massivem Druck von Naturschützern wurde ein Laubfrosch-Notprogramm ausgearbeitet, sodass die Laubfrösche im Gebiet des Wasserschlosses weiterhin zu finden sind. Aber auch viele andere Arten sind im Zusammenfluss von Aare, Reuss und Limmat heimisch. Für besonders störungsanfällige Arten, wie zum Beispiel den Flussuferläufer oder den Eisvogel, sind separate Natur- und Ruhezonen reserviert.
Auenschutz per Volksinitiative
Seit den 70er Jahren wuchs im Aargau die Einsicht, dass technischer und wissenschaftlicher Fortschritt gravierende Spuren in Naturlandschaften hinterlassen – die Artenvielfalt hatte stark abgenommen. Als Gegenmassnahme stellte die Kantonsregierung ihre einmalige Landschaft im Wasserschloss 1989 per Dekret unter Schutz. Drei Jahre später ernannte der Bundesrat das Wasserschloss zu einem Auengebiet von nationaler Bedeutung. Nochmals einen Schritt weiter ging 1993 schliesslich das Volk mit der Annahme der Initiative «Auen-Schutzpark – für eine bedrohte Lebensgemeinschaft ». Sie forderte die Erhaltung und Aufwertung der noch vorhandenen Auenreste innerhalb der nächsten 20 Jahre auf mindestens ein Prozent des Kantonsgebietes. Dadurch entsteht seither inmitten des Wohnund Wirtschaftskantons Aargau auf mehr als 14 Quadratkilometern ein sichtbares Netz von möglichst naturnahen Flusslandschaften.
Die Zukunft im Wasserschloss
Neue Wege für die Zukunft sind auch im Wasserschloss geplant – Ende 2009 wurde beim Bundesamt für Umwelt ein Label-Antrag für den «Naturerlebnispark Wasserschloss» eingereicht. Ziel ist dabei der nachhaltige Schutz der Region bei gleichzeitiger Nutzung des Naherholungsraumes im Wasserschloss. Wer einen Vorgeschmack auf das geplante Umweltbildungsangebot geniessen möchte, findet bereits heute dem Aare- Uferweg entlang den Auen-Lehrpfad «Au(g)enblicke» mit zehn informativen Stationen rund um den Lebensraum Aue.