BERN Im neuen Bärenpark
Familien, die im Stadtdschungel auf Tiersafari gehen möchten, werden im neu eröffneten Berner Bärenpark fündig. Wegen Höhlen und Bäumen ist es aber gar nicht so einfach, die pelzigen Bewohner zu Gesicht zu bekommen. Wie in freier Wildbahn, lohnt sich geduldiges Warten und genaues Beobachten.
Berns Altstadt liegt noch im Halbdunkeln, als Björk neugierig ihre Nase aus der Tür streckt. Geräuschvoll saugt sie die frische Morgenluft ein und marschiert dann zielstrebig hangabwärts. Der imposante Blick auf Berns erwachende Altstadt beeindruckt sie nicht sehr, aber das glitzernde Blau da unten hat es ihr angetan. Fast geräuschlos lässt sie sich ins Wasser gleiten und geniesst ihr erstes Morgenbad. Ihr männlicher Artgenosse Finn liebt das Baden über alles, im Umgang mit der neuen Anlage ist er aber wesentlich vorsichtiger.
Nicht für alle hat’s gereicht
Seit Mitte Oktober wird der 6000 m2 grosse Bärenpark am Ufer der Aare vom neunjährigen Bärenweibchen Björk und vom fünf Jahre jüngeren Bärenmännchen Finn bewohnt. Gerne hätten die Tierpfleger auch Pedro, dem 28 Jahre alten Bären aus dem Bärengraben, einen Lebensabend in der grosszügigen Anlage ermöglicht, seine schmerzhafte Arthrose machte diesen Wunsch aber ein halbes Jahr vor der Eröffnung zunichte. Besucher staunen gelegentlich über die Steilheit des Geländes, die aber für Bären – im Gegensatz zu den Tierpflegern – keine Erschwernis bedeutet. Die Anlage ist in ein grösseres und in ein kleineres Gehege aufgeteilt, die je nach Bedarf mit einer Schiebetüre verbunden oder getrennt werden können. Diese Unterteilung ist nicht etwa nötig, weil sich Finn und Björk nicht riechen können, im Gegenteil: Sollte das Weibchen im nächsten Januar aber Junge bekommen, könnte Finn den Jungbären gefährlich werden. Deshalb wird er sich während dieser Zeit mit dem kleineren Gehege von 1000 m2 zufriedengeben müssen. Bärenmütter gebären ihren Nachwuchs während der Winterruhe. Zu Beginn sind die kleinen Bären blind und nackt und haben ungefähr die Grösse eines Meerschweinchens. Im Erwachsenenalter wiegen sie je nach Geschlecht rund 500-mal mehr. Noch weiss aber niemand, ob Björk im 2010 wirklich Mutter wird.
Bärenwohnung an bester Lage
Die Altstadtwohnung der beiden Braunbären liegt an einer Traumlage, die aber auch viele Beobachter mit sich bringt. Klein und Gross lauern auf der Nydeggbrücke und rund um den Bärenpark, um einen Blick auf die beiden Mutzen zu erhaschen. Anders als früher im Bärengraben, braucht es dafür etwas Geduld, da sich die Tiere in mehrere Höhlen zurückziehen können. Entsprechend lautstark ist die Verzückung von Gross und Klein, sobald eine Bärenschnauze sichtbar wird. Der grosse Bärengraben bleibt weiterhin für die Bären zugänglich. Auch die Besucher können die Tiefen des Bärengrabens erkunden. Der kleine Bärengraben, wo ab 1925 die Jungbären untergebracht waren, ist seit dem aktuellen Umbau über eine Treppe und einen Lift von aussen betretbar. Abgesehen vom etwas beklemmenden Einblick in die einstige Perspektive der Berner Bären, lässt sich dort auch die Geschichte der Bärentradition in Bern nachlesen.
Wie der Bär nach Bern kam
Die Verantwortung für Berns Liebe zu Bären trägt der Legende nach Herzog Berchtold V. von Zähringen, der 1191 auf der Suche nach geeignetem Terrain für eine neue Stadt war. Die Aareschlaufe schien ihm günstig, und so machte er sich im umliegenden Wald auf die Suche nach Jagdbeute. Einem alten Brauch zufolge, sollte die neue Stadt nach dem ersten erlegten Tier benannt werden, im Fall Berns ein Bär. Nicht auszudenken, wie sich Name und Wappen der Hauptstadt entwickelt hätten, wenn die Beute ein Wildschwein oder ein Hase gewesen wäre. Bereits ab 1441 ist die Bärenhaltung in Bern belegt, wobei die zotteligen Gesellen mehrmals umziehen mussten: vom heutigen Bärenplatz vor dem Käfigturm Richtung Grosse Schanze und im Mai 1857 an die Stelle des heutigen Bärengrabens. Dieser soll, gemäss dem heute noch in der Mitte der nördlichen Brüstungsmauer sichtbaren Bärenstein mit der Inschrift «Erst bar, hie fam», ziemlich genau auf der Stelle liegen, wo der Herzog den ersten Bären gefangen haben soll.
Für Finn und Björk birgt der Platz an der Aare eine Annäherung an ein Leben in freier Wildbahn. Dazu gehört auch die Winterruhe zwischen Herbst und Frühjahr, für die sich die Bären in eine der Höhlen zurückziehen. Wer also zurzeit im Bärenpark nicht fündig wird, kann seine Nase in eine der Höhlen stecken, allerdings nur virtuell. Via Infrarot- und Webcams lässt sich das Geschehen auf der Internetseite www.baerenpark-bern.ch mitverfolgen – vielleicht zeigt sich in Björks Höhle plötzlich die eine oder andere Kinder-Überraschung.